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Das Bourbakische Trainingscamp

 

Falls Du, lieber Internetbenutzer - entschuldige hier bitte in diesem Fall die vertrauliche Anrede - jemals in eine ähnlich verzwickte Auseinandersetzung wie die meine gelangst und falls Du dabei eine ebenso beschissene Ausgansposition haben solltest - wenig Kohle, auf der Gegenseite eine riesige Streitmacht, dazu nur wenig brauchbare Mitstreiter und allenfalls sehr fragwürdige Drähte zu den etablierten Machtstrukturen -, falls Du also mehr oder weniger allein dastehen solltest, mit nichts als Deinem Kopf auf dem Hals und den beiden Händen an den Armen, dann müßtest Du - und da dürfte wohl jeder Personalchef einer Industriefirma, jeder "Headhunter" und jeder Boss einer Managmentconsulting- oder Industrieberatungsklitsche zustimmen - ähnlich wie der Bourbaki vorgehen:

 

1. Organisiere Dir zuerst eine gute Allgemeinbildung. Humanistisches Gymnasium oder so etwas ähnliches - anschließendes Studium, aber so, daß Du kein Spezialist wirst. Spezialistentum macht immer nur einseitig und verengt Deinen Horizont.

2. Gehe viel ins Ausland, erfasse, was die Welt Dir zu bieten hat, lerne Sprachen - so etwas kann nie schaden! Es hilft zumindest beim Lesen von Büchern, die nicht in Deiner eigenen Sprache geschrieben sind. Auch tut man sich später leichter, wenn man mit Leuten reden muß.

3. Lerne, Dich zu bewegen, damit immer Du die Kontrolle hast, und daß Dich niemand anspricht, wenn Du es nicht willst, so daß auch niemand Dir so schnell ans Bein pinkeln kann, denn von diesen verdammten Pinklern, da ist die ganze Welt voll damit! Am Ende mußt Du eine derartige innere Sicherheit gewonnen haben, daß Du mitten durch eine Rockerbande hindurchmarschieren kannst, ohne daß Dich einer anrührt.

4. Lerne Niederlagen einstecken. Das ist sehr wichtig! Wenn Du Dir hohe Ziele gesteckst hast, da gehen die Dinge leider nicht immer so ganz einfach, schon wegen dieser Pinkler, die überall herumhocken. Also lerne zu fallen, denn Erfolge kommen manchmal sehr langsam. Mache es Dir zum Prinzip - Erfolg ist, wenn man Niederlagen einstecken kann und trotzdem weitermacht!

 

Und wenn Du dann Dein Ziel gefunden hast, dann hänge Dich dran - mit Ausdauer, Motivation und Verbissenheit! Mir, dem Bourbaki, hat dabei das Buch von Will Berthold "Die 42 Attentate auf Adolf Hitler" sehr geholfen. Dasselbe hatte ich wochenlang an meinem Bett herumliegen. Das Buch ist zwar relativ schlecht, aber für diesen Zweck war es voll ausreichend. Anhand desselben ließ sich nämlich sehr gut studieren, was die anderen falsch gemacht hatten. Am Ende war ich der vollen Überzeugung: Wenn ich diesen Job gehabt hätte - dem Kerl hätte ich allenfalls sechs Monate gegeben: 3 Tage, um den Ballermann zu organisieren, und 6 Monate, um den richtigen Ort und die richtige Zeit zu finden. Wie der aber seine Sicherheit organisiert hatte, hätten im Grunde auch drei Monate voll ausgereicht!

Hier mit dieser Physikangelegenheit war es zugegebenermaßen etwas schwieriger, so daß eine entsprechend größere Umsicht und Vorausplanung erforderlich war. Also:

5. Studiere genauestens Deine Gegner. Bevor Du Dich mit solchen Gegnern einläßt, mußt Du sie bis in die letzte Ecke hinein kennen, mußt Du wissen, wo ihre Stärken, wo ihre Schwächen sind. Dies bedeutet, daß man sich über lange Zeiträume hinweg in diese Bibliotheken verkriechen muß, denn nur da stehen die Bücher, wo alles drinsteht. Dabei muß man lernen, die Bücher auf seine Art zu lesen, indem man vor allem zwischen den Zeilen liest, ferner die Fußnoten, die Literaturverzeichnisse und den Index hinten. Auf den Text selbst kann man dann vielfach verzichten - das ist vielfach nur blödes Autorengewäsch. Und zu Hause muß man sich ein gutes Archivierungssystem zulegen, wo alles gesammelt und abgelegt wird, was man über die verschiedenen Typen findest. Ein korrektes Bild ergibt sich vielfach erst dann, wenn sich die verschiedenen Informationsscherben neu zusammensetzen lassen.

Dabei hättest Du feststellen müssen, daß diese Deine Gegner letztlich nur arme Würstchen sind, voll von Selbstzweifeln und schlechtem Gewissen. Zusätzlich scheu vor jeder öffentlichen Auseinandersetzung, weil sie ja alle wissen, daß dieses ganze Gebäude von ihnen nur ein Kartenhaus ist, das beim leichtesten Wind zusammenzubrechen droht. Drum hängen sich diese Typen ja auch an jeden Pressezipfel, weil nur dadurch das große Schattenspiel auf die riesigen weißen Leinwände projiziert werden kann. Lerne diese Deine Gegner kennen und Du wirst am Ende feststellen, daß sie keine ernst zu nehmenden Gegner sind - alles Maulhelden und Waschlappen, die nur vor sich her sabbern!

6. Wähle Dir die richtigen Waffen. Willst Du gewinnen, wähle Deine Waffen, welche Dir richtig erscheinen. Nicht diejenigen, die normalerweise zum Einsatz gelangen, denn die sind ja bekannt und darauf haben sich Deine Gegner seit langem eingestellt. So kannst Du nicht gewinnen! Schmiede Dir Deine eigenen, ganz neuen Waffen, weil sich Deine Gegner auf dieselben noch gar nicht so recht einstellen konnten. Wähle Du und gib den anderen keine Wahl!

7. Lege Dir ausreichende Munitionsvorräte an. Bei einem derartigen Kampf wirst Du sehr viele Waffen und Munition benötigen. Also besorge Dir ein Munitionslager, denn Du wirst diese Munition benötigen. Mit einem einzigen Säbel in der Hand wirst Du kaum sehr weit kommen. Am besten, Du organisierst Dir außerdem noch einige geheime Munitionsverstecke, denn in einem derartigen Kampf ist nicht alles voraussehbar und es treten gelegentlich auch unvorhergesehene Ereignisse ein.

8. Laß Dich gelegentlich auf kleine Schamützel mit Deinen Gegnern ein. Das stärkt Deine Kampfkraft und schwächt Deine Gegner. Außerdem gewinnst Du Erfahrungen in der Kampftaktik der anderen.

9. Schlage zu, wenn die Gegner es am wenigsten erwarten. Dies ist entscheidend - wähle Du den richtigen Ort und den richtigen Zeitpunkt des Kampfes! So in der Art eines Wilhelm Tell "Hier durch diese hohle Gasse muß er kommen..." oder wie die Griechen an den Thermopylen oder bei der Schlacht von Salamis. Suche Dir eine Enge, damit die Truppen Deiner Feinde sich nicht entfalten können.

10. Und letztens - organisiere Dir ein paar "vergiftete Bauern".Bei so einem Kampf könnten sie Dir sehr nützlich sein. Solltest Du nicht wissen, was ein "vergifteter Bauer" ist, frage einen schachspielenden Freund, er wird es Dir erklären.

Ich weiß, die lieben Herren von der Industrieberatung werden nun sagen "Lieber Bourbaki, das ist ja alles schön und gut, aber daß Du Dich ausgerechnet auch noch mit der Presse anlegen mußt! Laß das lieber sein - so etwas ist kontraproduktiv."

Ich weiß, ich weiß... aber erstens bin ich der Bourbaki und keine PR-Agentur, zweitens lege ich mich nicht mit der ganzen deutschen Presse an, sondern allenfalls mit den drei oder vier dicksten Möpsen, drittens nehme ich es mit diesen paar Schlappschwänzen auch noch auf und viertens hatte ich es ja schon mehrmals probiert, mich mit diesen drei oder vier dicken Möpsen zu arrangieren. Wenn die dann so blöd waren und darauf nicht eingehen wollten, nun - Dummheit muß bestraft werden!

Außerdem möchte ich hier noch auf den Wiener Karl Kraus mit seiner "Fackel" verweisen - der hatte sich seinerzeit auch mit der Presse angelegt und war damit gar nicht so schlecht gefahren. Außerdem ist heute eine andere Zeit - die allgemeinen Bedingungen haben sich geändert und die technischen Möglichkeiten sind sehr viel besser geworden. Letztlich ist dieser Bourbaki auch aus einem anderen Holz geschnitzt. Das scheinen diese Herren von der Presse in ihren Chefetagenräumen mit Ledergarnitur wohl nicht so ganz begriffen zu haben.

 

PS: Ceterum censeo speculum esse delendum.